Naturverbindung oder Naturkonsum?

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Wie kann eine wahrhaftige Naturverbindung gelingen?

Natur als Objekt oder beseelte Naturzeit?

“Die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur ist wahrscheinlich die wichtigste des gegenwärtigen Jahrhunderts”  Philippe Descola

Wenn ich an die Anfänge unserer Natur-und Wildnisschule vor fast 20 Jahren denke und an meine mühevollen Erklärungen über unsere Vision und unser Tun, wird mir heute klar, wie wenig Bewusstsein für Naturerfahrungen und Naturverbindung bei den Menschen vorhanden war. 

Mittlerweile hat sich durch die Situation unseres Planeten Erde eine deutliche Zunahme der Interessen an ökologischen Themen, natürlicher Lebensführung und damit eine neue Sichtweise entwickelt.

Das Angebot an Naturseminaren und Naturcoaching wachsen. Ganz einfach lässt sich die Natur ins Leben holen, mit Naturpädagogischen Angeboten für Kinder, Familien und Einzelpersonen. Survivalkurse, Schwitzhütten, Waldbaden, Kräuterseminare, Naturhandwerkskurse, Rituale für Frauen oder für Männer oder für beide gemeinsam im Jahreskreis, Naturrituale, Visionssuchen und Wildnistraining für alle Altersstufen usw.

Wir gehören mit unserem Seminarangebot auch in diese Kategorie und deshalb bin ich sensibilisiert für dieses Thema. Es erscheint mir ein Trend geworden zu sein, Kurse mit der Natur zu bewerben und mich beschleicht mehr und mehr der Eindruck, die Natur wird lediglich als Kulisse für kommerzielle Interessen benutzen, ohne eine tatsächliche Verbindung mit ihr ein zu gehen.

Ein Wochenendkurs in der Natur lässt uns tief eintauchen in die natürliche Welt und wir können Erfahrungen machen, die uns in einer Dimension ergreifen, die unsere gesamte Alltagswelt auf den Kopf stellt.

Allerdings dürfen wir hierbei nicht unsere seit Jahrtausend geprägte abendländische Geistesgeschichte vergessen, die in uns eine Welt der Trennung geformt hat. Deshalb fällt es den allermeisten Menschen nicht leicht, sich von diesem Weltbild zu lösen und sich sofort mit einem lebendigen Universum verbunden zu fühlen. Ein Weltbild, welches die Natur primär für menschliche Zwecke ausgebeutet hat.

Und wenn wir wir die Natur zum Gegenstand für die heilsame Naturarbeit machen, wird sie wieder zur materiellen Kulisse reduziert.

So ist es auch in der aktuellen Klimadiskussion eine Debatte über die Erde und wie wir mit neuen Errungenschaften der Technik und des Fortschrittes unser gutes Leben auf diesem Planeten retten können. Wir kämpfen für unsere Ressourcen und wollen die gewohnte Lebensqualität erhalten. Dieser Ansatz unterscheidet sich erheblich von dem der indigen Völker, die sich verbunden mit Mutter Erde erfahren und somit für sie und ihren Schutz und Erhalt kämpfen.

“Das Land ist wir, und wir sind das Land” Margaret Kemarre Turner, Aboriginie-Älteste

Andreas Weber, Biologe und Philosoph beschreibt in seinem Buch “Indigenialität” die Genialität der Indigenen, in einer Welt der Nicht-Trennung zu denken und zu leben. Für die Indigenen existiert kein Dualismus, ihre Kosmologie lebt eng mit Tieren, Pflanzen, Steinen und Wasser zusammen, ohne beständig in deren Beziehung einzugreifen. Diese Kultur der gegenseitigen Bedingtheit erscheint erstaunlich konstant.

Politische Naturverbindung

Die Weltsicht, der Mensch stehe im Mittelpunkt und über den Rest der Natur, hat mittlerweile in vielen Studien gezeigt, dass diese Trennung nicht förderlich ist für eine psychische Gesundheit des Menschen. Gehen wir wieder eine wechselseitige Naturverbindung ein, werden wir uns bewusst, ein ebenbürtiger Teil des Ökosystems zu sein. 

In einer Zeit, in der wir Menschen dringlicher denn je aufgefordert sind, die Natur wieder als lebendigen und beseelten Organismus anzuerkennen, statt sie für unsere Zwecke aus zu beuten, sollten wir uns ihr wahrhaftig zuwenden.

Eine holistische Rückverbindung mit der Natur umfasst ein Sich-Einfühlen in das große Netz des Lebens. Diese neue Beziehung zur Natur und unserem Lebensraum verändert nicht nur das Selbst, es wird zu einer heilsamen Kultur des Wirkens.

Es geht weit hinaus über Studium und Forschung, welche uns zu kopflastigen NaturkundlerInnen werden lässt. Den Menschen von dem Natürlichen separiert. Die Natur mit dem Herzen zu erkennen, sich berühren zu lassen, bedeutet letztendlich sich selbst zu erkennen und sich Einzulassen in eine Vorstellungskraft, die die ganze Welt umfasst.

Also kann eine Rückverbindung nur über das Erinnern an unsere “Ursprache” geschehen. Das heißt ein Gewahrsein in der Natur  verbindet uns in einer ganzheitlichen Art und Weise mit der Natur, eröffnet uns eine Wirklichkeit, die hinter der Oberfläche verborgen liegt.

Wie kann uns also eine wahrhaftige Naturverbindung gelingen?

Mich würden eure Sichtweisen dazu sehr interessieren.
Haben wir noch eine Chance oder ist die menschliche Entfremdung schon viel zu mächtig geworden?

Ich freue mich über Kommentare!
Herzlichst,
Sabine

1 Kommentar
  1. Alexandra
    Alexandra sagte:

    Vielen lieben Dank für diesen tollen Beitrag! Du sprichst hier vieles von dem an, was mich immer wieder in Zugzwang bringt, wenn ich Arbeit mit und in der Natur weiter geben will. Zum einen versuche ich mit so vielen Mitteln und den richtigen Worten den ganzheitlichen Zusammenhang, eine andere Sicht-und Lebensweise zu vermitteln und zum anderen versuche ich mit den Worten jener zu sprechen, die sich mit diesem Thema noch nicht oder gar nicht auseinander gesetzt haben.

    Ja und oft bedarf es eines Schaffens unterschiedlicher Zugänge. Dass wir uns hier immer wieder gut und achtsam als Mentoren und TeilnehmerInnen, als WildnisschulenleiterInnen und NaturpädagogInnen, HeilerInnen und Natur”tätige” rückbesinnen dürfen, finde ich, ist hier sehr gut beschrieben!

    Ein “Wir” in Form von tiefer Naturverbindung zu allem, was ist, dieser Bewusstheit dürfen wir uns immer gewahr sein und werden nicht umhin kommen, dies zu trainieren.
    Danke dafür!

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